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Reportage über die Wende in der Agrarwirtschaft:

Zu viel Gas gegeben, und die Wende steht still

(20.02.2002) Die Schweinezuchtanstalt von Karl-Heinz Geissler nennen die Dorfbewohner ein Prachtstück: Das rund neun Ar große Areal mit Bauernhaus und Stallungen für 300 grunzende Bewohner ist von einem strahlendweiß lackierten Metallzaun umgeben. Rund herum: saftige Wiesen und ertragsreiche Äcker inmitten der fruchtbaren Rheinebene. An der Einfahrt zum Gehöft steht ein großes Tor aus hellbraunem Kiefernholz. Eigentlich, so erzählt Geissler, habe er das Tor errichtet, um bei den Besuchern des Hofes "einen bleibenden Eindruck" zu hinterlassen. Der Zustand des Tores spiegle die Geschicke seines Besitzers wieder: "Wenn auf dem Hof gut gearbeitet wird, kann man sich ein schönes Tor leisten. Das Tor des Landwirtschaftsministeriums allerdings ist ramponiert". Karl-Heinz Geissler ist Vorsitzender des Erzeugerverbandes Mittelbaden. Seine Verbandsmitglieder kommen oft zu Sitzungen auf seinen Hof bei Baden-Baden. Dann werde über die aktuellen Vorgänge in der Landwirtschaft geredet, erzählt Geissler. Nach Schweinepest, BSE, Maul-und-Klauenseuche stünde jetzt die "Reform-Tollwut" von Verbraucherschutz- und Landwirtschaftsministerin Renate Künast zur Debatte: Kann das in Recklinghausen geborene "Stadtkind" mit der blonden Igelfrisur die Landwirtschaft - leicht im Handling wie ein Mähdrescher - in eine andere Richtung lenken, ohne ihr zu schaden? Für Geissler und seine Gäste kann die ökologische Wende nicht funktionieren – nicht unter Zeitdruck.

Denn als die Ex-Grünen-Bundesvorsitzende Renate Künast im Januar ihr Ministeramt angetreten hatte, stand sie unter Zugzwang. Ihr Vorgänger Karl-Heinz Funke (SPD) hatte auf eine langsamere Wende gesetzt. Doch BSE und Verunsicherung bei den Verbrauchern kamen schneller. Nach den ersten Fällen der Rinderseuche bei in Deutschland geborenen Rindern forderte der Bundeskanzler sofort die Neuausrichtung der Agrarpolitik. Künast musste nach ihrer Ernennung schnell reagieren: "Der BSE-Skandal markiert das Ende der Landwirtschaftspolitik alten Typs. Wir stehen - und zwar alle, die wir hier versammelt sind - vor einem Scherbenhaufen", begann sie ihre Antrittsrede im Februar vor dem Deutschen Bundestag. Leicht stellte sie es sich vor - daher rasch folgen sollte die Verwirklichung ihrer Ziele: das „Bündnis zwischen Bauern und Natur“, das die Förderung von Öko-Landbau und regionaler Vermarktung der Produkte, sowie artgerechte Tierhaltung vorsieht; "Klasse statt Masse" für den Verbraucher: zwei Qualitätssiegel für Öko- und Mindeststandards bei Lebensmitteln; "Wandel im Einzelhandel" durch große Auswahl von Öko-Produkten; gläserne Produktion der Lebensmittelindustrie von der Weide bis zur Ladentheke; die Mast ohne Antibiotika.

Schon nach ihren drei Monaten im Amt, hat Geissler das Gefühl, müsste Renate Künast den Weg zu diesen Zielen als einen steinernen erkannt haben: "Ihr Vorgänger lag so falsch nicht mit dem Rat, alles nur Schritt für Schritt zu machen. Ihre Ziele sind zwar gut und schön. Aber ich glaube, dass sich bei all ihren Plänen in den Köpfen der Verbraucher der Eindruck festsetzt, es gäbe bisher nur ‚schlechte’ Landwirtschaft. Das muss sie klären - und ohne Hektik." Damit geht Geissler mit der Meinung zweier anderer, großer Agrar-Köpfe konform. Auch Gerd Sonnleitner, der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, propagierte auf dem Landwirtschaftskongress der CDU Anfang Mai in Berlin „Weiterentwicklung, nicht Wende der Agrarpolitik". Anderes sei ein Angriff auf den bäuerlichen Berufsethos. Denn die Notwendigkeit einer "Wende" impliziere, dass bisher Geleistetes falsch war. Die Politik mache die Bauern und ihre Familien damit zum "Buhmann" der BSE-Krise. Die selbe Berliner Bühne nutzte auch EU-Agrarkommissar Franz Fischler: Es bedürfe keines "Schnellschusses", sondern einer analytischen Bewertung der Agrarsituation Deutschlands. Nur damit könne eine fundierte Umwelt- und Qualitätssicherung erreicht werden. Und Künast selbst? "Auch Riesen haben klein angefangen. Ob wir es schaffen, hängt allein vom Verbraucher ab", trotzt die Ministerin aller Unkenrufe.

Doch gerade die Verbraucher, deren Schutz die neue Aufgabe des Ministeriums ist, seien kurzsichtige Kunden, auf deren Vernunft Künast nicht bauen könne, glaubt Geissler: "Viele wollten bisher doch gar nicht genau wissen, was sie essen. Qualität aber kostet. Und bis das von den Verbrauchern verstanden ist, läuft die ökologische Wende nicht weiter. Das hat Künast irgendwie nicht bedacht. Sie hat voll Reform-Eifer zu stark aufs Gas getreten und ist mit dem Mähdrescher in den Graben gerutscht. Jetzt wird es schwierig, da schnell wieder rauszukommen."

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Letzte Aktualisierung: 19.1.2022

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