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Ein Tag im Leben eines Mitglieds im Bundestags

Politisches bewegen - auch mit Bier

In der Haushaltswoche ergeben sich für den Bundestagsabgeordneten aus Pforzheim kaum Pausen

(24.06.2006) Er ringt nach Worten. Der Pelikan-Füller, grün mit silberner Kappe, schlicht wie ihn Schüler benutzen, rotiert in seinen Händen. Weit in seinen Stuhl zurückgelehnt, schaut er angestrengt an die Decke, als ob dort die Antwort auf die Frage hängen würde: Was heißt „Werft“ auf Französisch? Multilaterale Beziehungen, die Zypern-Frage, der Nizza-Vertrag, priviligierte Partnerschaft und die Grenzen Europas - an sich schon kompliziert. Aber Gunther Krichbaum fasst seine Einschätzungen dazu in einer fremden Sprache. Morgens um 7 Uhr 45. Nach vier Stunden Schlaf.

Es ist sein Start in einen weiteren Tag politischen Termineabreitens. Der erste gleich um dreiviertel 9: namentliche Abstimmung. Durch alle Abgeordnetenhäuser und den Reichstag heult eine Sirene. Sie erinnert markerschütternd daran: Die Abstimmung versäumen kostet 90 Euro. Von überall, vorbei an rot und weiß blinkenden Lämpchen, kommen die Abgeordneten angelaufen. Krichbaum ist weniger hektisch. „Der Französischkurs ist mir wichtig, nicht nur um die Sprache aufzufrischen, sondern auch, weil die Lehrerin als Französin mir einen Einblick in die Mentalität ihres Landes geben kann – etwa bei den Pariser Unruhen.“


C:j°p°p2006

Kurzes Plaudern mit den Parteikollegen: MdB Gunther Krichbaum ist als in die CDU-Fraktion voll integriert.

Das Interesse, Länder von innen heraus kennen zu lernen, steht im Dienst seiner Ausschussarbeit: Als stellvertretender europapolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion und im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union muss sich der 42-jährige über die Geschehnisse in anderen Staaten umfassend informieren. Als Berichterstatter für Rumänien und die Ukraine bereist er diese Länder mehrmals. Im Juli steht Moldau auf dem Plan. Fahrten vor Ort im Wagen des Botschafters. Keine Eskorte, keine Sonderrechte. Angst vor Überfällen? „Nö, eigentlich nicht.“ Personenschutz: „So ein Käse.“ Krichbaum fühlt sich sicher. „Passiert mir was, können Sie schreiben: Er hatte sich geirrt.“

Doch trotz der Affinität zum europäischen Gedanken: „Ich bin zuerst Deutscher und deutscher Abgeordneter. Europa muss sich erst auf das besinnen, was es kann,“ sagt Krichbaum und verschwindet in den mehr als 600 Abgeordneten, die sich durch die Glastüren in den Plenarsaal zwängen.


C:j°p°p2006Die Flucht vor der Hitze in die Arbeit: Dass im Büro das Sakko am Hacken hängen bleiben kann, tröstet über rund 90 Schriftsachen am Tag hinweg.



Nach einer guten Stunde verlässt Krichbaum die Debatte zum Haushalt für Arbeit und Soziales. Es geht zu seinem Büro im Paul-Löbe-Haus, vorbei an zig Besuchergruppen in kurzen Hosen und auf Badelatschen - beneidenswert in Parlamentsgebäuden ohne Klimaanlage, aber mit großen Glasfronten und Sommersonne.
Im abgedunkelten Büro wartet ein Stapel Briefe und Drucksachen so hoch wie drei Telefonbücher, rund 90 Posteingänge täglich. Haben sich er und seine zwei Mitarbeiter durchgearbeitet, sind Bürgerbitte oder Lobby-Hinweis noch nicht erledigt. Ausbau der A8 oder Westtangente etwa begleiten ihn seit seinem Bundestageinzug 2002. Sturheiten wie die der Bahn, keinen Waggon auf der Strecke Karlsruhe-Pforzheim anzuhängen, so wie von Wahlkreiskollegin Katja Mast und ihm gefordert, würden manchen die Nerven kosten. „Mich tragen persönliche Visionen wie mein innerliches Leitbild, meine Anliegen in die Politik zu bringen, Dinge zu verändern. Die ausgleichende Generationengerechtigkeit etwa: Eine Staatsverschuldung von 1,5 Billionen Euro und der demografische Wandel muss von der Jugend, von den derzeitigen Nichtwählern getragen werden. Und: Das Mehr an Lebensjahren kann kein Mehr an Rentenjahren bedeuten!“ erklärt Krichbaum, immer das Parlamentsfernsehen im Auge: Beendet Müntefering seine Rede, geht es zur nächsten Abstimmung.


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Wahlkreisarbeit in der Hauptstadt: Gunther Krichbaum beschreibt Schülerinnen der Johanna-Wittum-Schule seine Arbeit, die in Sitzungswochen nicht vor null Uhr endet.

Danach stellt er sich eine Stunde den Fragen von 25 angehenden Erzieherinnen der Johanna-Wittum-Schule, die auf Bildungsfahrt in Berlin sind. Eine Stunde schildert Krichbaum seine politische Arbeit mit dem Herzstück Wahlkreisarbeit in Pforzheim und Enzkreis; er sei Lobbyist der Region; er beklagt sich über den Ausbau der A8; mit Problemen soll sich jeder an ihn wenden. „Er ist cool, locker, interessant,“ urteilen die Schülerinnen. „Man erkennt seine Lebensfreude.“
Nach dem Mittagessen mit einem ehemaligen Kollegen, der ihn mit neuesten Internas aus der Wirtschaft füttert, zieht Krichbaum weiter in einen Vortrag über die „aktuelle wirtschaftliche Situation in der Ukraine“. „Weit weg“ mag der erste Gedanke sein. Wenn der Vortrag aber schildert, dass die Ukraine 14 Atomkraftwerke bauen will, ist der Staat am Schwarzen Meer nah dran am Wahlkreis 280 im Jahr 20 nach Tschernobyl.


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Ausstellungsbesuch mit Bundestagspräsident: Norbert Lammert und Gunther Krichbaum besichtigen Fotos von Bundestagspraktikanten Siegfried Muresan.


Krichbaum kann geht vor Schluss. Wahlkreisnachbar Hans-Joachim Fuchtel und Prof. Dr. Norbert Höptner von der Wirtschaftsförderung Nordschwarzwald wollen mit ihm besprechen, wie sich die Region auf der Stallwächterparty 2007, dem in Berlin hoch angesehenen Event der Landesvertretung, am medienwirksamten präsentiert kann. Brainstorming: Kunst und Wirtschaft des Nordschwarzwaldes? Tradition und Innovation? Schmuck und Wellness? Wer soll es zahlen? 45 Minuten Planen waren angesetzt. Man bleibt strikt. „Unproblematisch und unbürokratisch,“ ruft Fuchtel auf die Frage, welche Attribute zu Krichbaum passen, und schon ist er zehn Meter weiter.

Nächster Termin: die Eröffnung einer kleinen Fotogalerie vor dem Bundeskanzleramt. Bundestagspräsident Norbert Lammert freut sich über die Fotoarbeiten ausländischer Praktikanten des Bundestags. Mit dabei auch Yryna Filyutych aus der Ukraine und der Rumäne Siegfried Muresan, dank Stipendium Praktikanten im Büro Krichbaum. „Letzte Woche nahm er uns in den Wahlkreis mit. Die Menschen dort sind toll. Er selbst auch, weil er uns zwar viel Freiheit gewährt, dann aber auch Verantwortung gegenfordert.“ Ob mal Unmutsbekundung aus seinem Büro drangen, als er über der Post saß? „Nein! Nur im Pforzheimer Straßenverkehr!“

Der, über den geredet wird, steht abseits des Empfangs, das Handy am Ohr: die Planung für den Folgetag. Die Abstimmung von heute Abend, 22 Uhr, wurde auf morgen früh, 8 Uhr, verlegt. Das Essen mit dem rumänischen Botschafter: jetzt in Gefahr. Krichbaum könnte immer Termine streichen. „Ich bin so direkt niemandem Rechenschaft schuldig. Aber ich möchte viel wahrnehmen, weil es Spaß macht.“ Das hatte Matthias Platzeck auch mal gesagt. Keine Angst vorm Knall? „Ja, diese Gefahr besteht.“ Bis 19 Uhr bleibt Krichbaum im Büro. Danach geht es zum Empfang der Parlamentarischen Gesellschaft. Klingt nach Vergnügen. „Aber tatsächlich wird man nun bei einem Bier versuchen, Politisches zu bewegen.“"

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Letzte Aktualisierung: 16.2.2022

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