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Zu wenig Impfstoffe in Afrika

Impfstofffabrikfabrik

Der Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech präsentiert einen neuen Geschäftszweig: transportfähige Produktionsstätten für Impfstoffe. Die ersten sollen in afrikanische Länder gehen. Hilft das, den Impf-Nachholbedarf des Kontinents aufzuholen oder ist es ein PR-Coup?

(16.02.2022) Sie zeigen sich sehr beeindruckt: Der Präsident der Afrikanischen Union Macky Sall, Ghanas Präsident Nana Akufo-Addo, sein Amtskollege aus Ruanda Paul Kagame, WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus und die deutsche Entwicklungsministerin Svenja Schulze. Sie allesamt stehen in einer noch nicht vollständig fertiggestellten Werkhalle am Rand des Westhessischen Berglands und betrachten: Überseecontainer – weiß, rein, leicht abzuwischen.

So steht sie vor ihnen, Biontechs transportfähige Impfstoffproduktionsstraße im Baukastenprinzip. Produktname: „BioNTainer“. 12 Container werden zu zwei Gebäudemodulen zusammengesetzt. Bioreaktor, Reinraum, Testinstrumente, Lüftungsanlage – alles wird auf 800 Quadratmeter Grundfläche untergebracht und bietet 60 bis 100 Fachkräften alles Notwendige, um 50 Millionen Dosen Impfstoff im Jahr herzustellen – sei es gegen Malaria, Tuberkulose oder Covid-19. Impfstoffe, die in diesen Stätten produziert werden, seien für den Inlandseinsatz sowie für den Export an andere Mitgliedsstaaten der Afrikanischen Union bestimmt, erklärt Biontech und verspricht alles zu "einen gemeinnützigen Preis".

Eine Fabrik geht auf Reisen

Das Containerkonstrukt hat es in sich: Das eine Modul beinhaltet die Herstellung des Wirkstoffs, der Boten-RNA und deren Arzneimittelaufbereitung und -konzentration. Im zweiten Modul: die Zubereitung, das „Formulieren“ des Impfstoffs. Dabei wird die mRNA mit lipiden Nanopartikeln zum fertigen Impfstoff gemischt. Den dritten Schritt, Abfüllung und Verpackung, übernehmen lokale Partner. Im Obergeschoss der beiden Module ist die Klima- und Absauganlage für die Reinräume. Beide Module müssen in einer Werkhalle untergebracht werden.

Eine Impfstofffabrik, die auf Reisen gehen kann, wäre ohne mRNA-Impfstoff nicht möglich, erklärt das Biontech-Vorstandsmitglied Sierk Poetting, verantwortlich für Produktion, Digitalisierung, Automatisierung, Nachhaltigkeit: „Das Besondere ist, dass man mit der Messenger-RNA, mit dieser neuen Technologie, Medizin bauen kann in kleinen Einheiten. Antikörper brauchten immer große Fermenter und wirklich große Werkshallen. Und es ist jetzt das erste Mal, dass es eine Technologie geschafft hat, die so klein ist, dass man sie sozusagen modular und mobil bauen kann.“

Marburg: Standort der Impfstofffabrikfabrik

Damit präsentiert sich das Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech an seinem Produktionsstandort im hessischen Marburg erstmals als Fabrikant von Impfstofffabriken und möchte damit laut eigener Aussage „nachhaltige, lokale Impfstoffherstellung in der Afrikanischen Union“ ermöglichen. Derzeit sei das Unternehmen mit dem Senegal, Ruanda und Südafrika im Gespräch.
Hergestellt werden die „BioNTainer“ in Marburg und dann in einzelnen Elementen mit Schiff, Lkw und sogar Flugzeug transportiert. „Die Produktionsanlagen zahlen wir. Die Länder kümmern sich darum, dass die Infrastruktur vorhanden ist und dass wir Land erhalten, auf das wir die Halle setzen können“, erklärt Poetting und geht davon aus, dass Ende der zweiten Jahreshälfte die erste Anlage steht.

Fachleute erwarten sie dringend. Afrika produziert bisher weniger als ein Prozent der genutzten Impfstoffe selbst. Laut WHO sind zurzeit nur 12 Prozent der Bevölkerung in Afrika vollständig geimpft. Zum Vergleich: Weltweit sind mehr als die Hälfte der Menschen vollständig geimpft, von Impfquoten von mehr als 80 Prozent in manchen europäischen Ländern ganz zu schweigen.

Streit über Patentfreigabe

Aber ein Ende der Pandemie setzt voraus, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen. „Ärmere Länder sind monatelang fast leer ausgegangen“, monierte WHO-Chefwissenschaftlerin Soumya Swaminathan. Nur mit einer weltweit hohen Impfquote lasse sich eine neue Welle mitsamt Virus-Varianten, die auch Industrienationen wieder treffen könnte, verhindern. Und nicht zuletzt ist es eine, Frage der globalen Gerechtigkeit, wie die WHO immer wieder betont.

Deshalb forderten Nichtregierungsorganisationen immer wieder eine Freigabe von Patenten auf mRNA-Impfstoffe gegen Corona. „Das bringt nur Chaos“ hatte Biontech die Forderungen zurückgewiesen. Tatsächlich könnten die schwachen Lieferketten in Entwicklungsländern für die Zutaten eines Impfstoffs oder deren Abfüllung belegt sein – womöglich für eine weniger effiziente Impfstoff-Eigenanfertigung. „Selbst wenn jemand das Patent hat, dann muss er erst noch das bauen, was wir haben. Das heißt, man muss ja immer noch einen Reinraum bauen und das Equipment einbauen“, erklärt Poetting.

Das Pochen auf Patente

„Aber warum nicht bestehende Kapazitäten ausbauen, wo bereits andere Medikamente hergestellt wurden?“ fragt Elisabeth Massute von „Ärzte ohne Grenzen“. Wie Biontech mobile Impfstoffproduktionsstätten nach Afrika zu liefern finde sie richtig und wichtig. Mehr Hilfe würde aber das Aussetzen der Patente auf mRNA-Impfstoffe bieten: „Wir sehen immer wieder, dass Patente Barrieren darstellen können. Das haben wir auch in der jetzigen Pandemie gesehen.“

Selbst wenn es afrikanischen Forschungsunternehmen wie kürzlich „Afrigen“ gelingt, einen eigenen Impfstoff made in Africa zu entwickeln, verhindere das Pochen auf Patente schnelle Hilfe für die Menschen, gibt Massute zu bedenken. Denn ein neuer, eigener Impfstoff verlangt zur Zulassung auch wieder neue, eigene klinische Studien. Das verhindere mehr Kooperation zwischen den Herstellern, mehr Technologietransfer.

"Bedeutsamer Tag für Mutter Afrika"

Den sieht Sierk Poetting bereits gegeben: „Wir schicken unsere Teams mit, leiten die lokalen Teams an, haben also vor Ort jeweils einen Partner, der uns hilft.“ Im Senegal sei es das „Institute Pasteur Dakar“, in Südafrika „Biovac“; und Runda zeige sich sehr gewillt, ähnliche Strukturen aufzubauen, erklärt Poetting. „Wir lernen die Menschen an und haben dadurch einen echten Technologietransfer nach Afrika.“

Die Staatschefs auf der Biontainer-Präsentation hören das gern: „Wir wollen eine unabhängige Impfstoffproduktion erreichen, um dem zukünftigen nationalen, regionalen und kontinentalen Bedarf an Gesundheitssicherheit zu begegnen“, sagt Nana Akufo-Addo, Präsident der Republik Ghana, und bringt vor der haushohen Containerwand im Industriepark Görzhausen ein wenig Wärme in die kühle Werkshalle: „Heute ist ein bedeutsamer Tag für Mutter Afrika.“

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Letzte Aktualisierung: 16.2.2022

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