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100 Jahre parlamentarische Demokratie
Die wahre Wahl wird Wirklichkeit
Der Waffenstillstand von Compiègne in Nordfrankreich vor 100 Jahren besiegelte das Ende des Ersten Weltkrieges. Die Unterschriften der Kriegsparteien in einem Salonwaggon beendeten für Millionen Menschen ein beispielloses Morden und Hungern. Unter dieser Bürde begann in Deutschland die erste parlamentarische Demokratie – mit Gleichheit aller Deutschen an der Wahlurne.
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100 Jahre Frauenwahlrecht

Wählerinnen wählen Wirklichkeit

Der Waffenstillstand von Compiègne in Nordfrankreich vor 100 Jahren besiegelte das Ende des Ersten Weltkrieges. Die Unterschriften der Kriegsparteien in einem Salonwaggon beendeten für Millionen Menschen ein beispielloses Morden und Hungern. Unter dieser Bürde begann in Deutschland die erste parlamentarische Demokratie – mit Gleichheit aller Deutschen an der Wahlurne.

(12.11.2018) Wie würde wohl Deutschlands Demokratie aussehen, könnten nur Männer nur Männer wählen? Malten sie an der Urne eine politische Landschaft eher in schwarz, rot oder grün? Seit 100 Jahren können sich Wissenschaftler diese Frage stellen. Denn am 12. November 1918 verkündet der „Rat der Volksbeauftragten“ im Zuge der Novemberrevolution in einem Aufruf, alle Wahlen seien von nun an nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht „für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen“. Kurz darauf wird am 30. November die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland verordnet – ohne das Wahlrecht, das bis dahin vom gesellschaftlichen Stand oder Geschlecht abhing.

Im Januar 1919 gehen so auch Frauen erstmals wählen, ihre Wahlbeteiligung zur Deutschen Nationalversammlung liegt bei 82 Prozent. Begeisterung darüber schwingt 100 Jahre später bei der ehemaligen Bundesfrauenministerin Rita Süssmuth (CDU) mit: „Zwischen Aufruf und Durchsetzung des Frauenwahlrechts vergingen gerademal acht Wochen. Trotzdem gab es eine hohe Wahlbeteiligung der Frauen und großes Interesse nicht nur an gleichen Rechten von Mann und Frau, ein Recht auf Beteiligung und Gestaltung des öffentlichen Lebens. Das war nicht nur Folge der Erschütterung durch den Krieg, sondern dem sind relativ lange Phasen der Vorbereitung über Jahrzehnte bis hin zur französischen Revolution vorausgegangen.“

Tatsächlich können sich Frauen auch erstmals selbst zur Wahl stellen, bilden ein Zehntel der ersten Nationalversammlung in Weimar. Die erste Rednerin ist die Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Marie Juchacz. „Meine Herren und Damen!“ fängt sie an und sorgt für Heiterkeit, um dann festzuhalten: „Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit; sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist."

Mehr Wahl als nur die des Ehegatten

Dieses Unrecht geht von Männern aus, die es über Jahrhunderte hinweg ähnlich begründen: Jesus habe schließlich auch nur Männer als Apostel ausgesucht (mit dieser Begründung schließt die Katholische Kirche übrigens Frauen noch heute von Weiheämtern aus); Frauen mangele es an Intelligenz und Führungssinn, ihre Gefühle seien in der Politik mehr als nur hinderlich; ihre wahre Bestimmung: Kinder kriegen, weshalb sie lange Zeit von höherer Bildung ausgeschlossen wurden. Landwirt und Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses Ernst-August Ahrens führt aus: „Wir glauben, unsere Töchter haben etwas Besseres zu wählen als einen Abgeordneten, nämlich ihren Ehegatten. Und wenn sie damit fertig sind, dann haben sie ihre Kinder zu erziehen."

Das sagt Ahrens 1913. Er gehört der Deutschkonservativen Partei an und die verteufelt nahezu alles, was links von ihr aus der damaligen Parteienlandschaft kommt. Dazu gehören auch Überlegungen eines Frauenwahlrechts, dessen sich Frauenvereine angenommen haben. 1913 sind hier eine halbe Million Frauen organisiert und fordern ihr Recht zu wählen, wie es in Finnland und Norwegen zu diesem Zeitpunkt schon eingeführt ist. „Die sozialen Entwicklungen, neue veränderte gesellschaftliche Stellungen, sind langsamer als die technischen“, sagt Süssmuth. „Um Schritt zu halten, bedarf es der Bewegung. Die gab es dank Frauenvereinen. Dass darin zuletzt hunderttausende Frauen gemeinsam ihr Ziel der Durchsetzung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts in die Öffentlichkeit getragen haben, spielte eine wichtige Rolle."

Frauen müssen sich beweisen und haben Erfolg

Doch dann der Erste Weltkrieg. Millionen tote und verwundete Menschen, ihre Familien und Hinterbliebenen. Der Krieg stellt Frauen vor ungekannte Herausforderungen. „Sie ersetzten die Männer, die in den Krieg verpflichtet wurden, mussten deren Aufgaben in vielen Lebensbereichen übernehmen“, wie die ehemalige Bundesfrauenministerin Rita Süssmuth (CDU) erklärt: „Sie mussten sich beweisen und zeigten: Sie können es auch. So kam es zu neuen Lebensstilen, zum sozialen Wandel, zu mehr Kompetenzen und Selbstwertgefühlen. Die Entwicklung der Individualität führte parallel auch zu einem anderen Verständnis der individuellen und kollektiven Rechte.“

Als zum Ende des Ersten Weltkriegs dann Matrosen, Soldaten und Arbeiter die Abdankung des Kaisers und die Errichtung einer parlamentarischen Republik erringen, stehen Frauen an ihrer Seite. „Bei den Frauen hat die Veränderung mit Zugang zu höherer Bildung und ihrem Nachweis von Fähigkeiten und Potenzialen begonnen - insbesondere in Kriegszeiten, als sie als Fabrikarbeiterinnen aber auch im Bereich der Politik als Bürgermeisterinnen oder in medizinischen Berufen Aufgaben übernehmen mussten. Die daraus erwachsenen Lebensstile bauten das Recht von Frauen zusehends aus, beispielsweise auf Mutterschutz, soziale Lebenshilfe für Frauen oder Unterstützung von alleinerziehenden Müttern. Das sind Errungenschaften, die daraufhin in den 20er-Jahren durchgesetzt wurden."

Chancengleichheit nicht unbedingt von Dauer

Mit Blick auf heute hingegen mahnt Süssmuth, gerade was Frauen anbelangt: „Wir haben viel erreicht, aber wir stellen fest, dass wir noch nie so eine fallende Bewegung im Bereich der Mandate, im Bereich kommunaler Ämter oder im Bereich der Führungspositionen von Frauen gehabt haben wie sie sich gegenwärtig aus den Daten ablesen lässt.“ Im Bundestag etwa, dessen Präsidentin Süssmuth vor 30 Jahren wurde, sitzen verhältnismäßig so wenig Parlamentarierinnen wie seit 20 Jahren nicht mehr. „Wir können also nicht sagen: ,Das haben wir einmal gewonnen und es bleibt dauerhaft‘. Diesen Gedanken müssen wir uns abgewöhnen und uns immer wieder fragen, wie lebendig sind wir in unseren Aktivitäten, in unseren Maßnahmen; wie wachsam sind wir gegenüber neuen Widerständen.“

Ohne die Damenwahl wäre der Bundestag ein weniger gemäßigtes Parlament. Frauen schätzten Parteien, die sich um ihre Lebenswirklichkeit kümmern, sagen Wahlforscher, Männer hingegen wählten mehr Protest. Bei der Bundestagswahl 2017 erhielt die Union 36,4 der Stimmen von Frauen, von Männern nur 29,2 Prozent, die Grünen 10,2 und 7,6 Prozent. Ohne Unterschied ist allein die SPD. Die Linke und FDP wählten mehr Männer – und vor allen die AfD: 16,3 Prozent Männerstimmen, nur 9,2 von Frauen. Ob dazu die AfD-Forderung nach Abschaffung der Gesetze zur Gleichstellung von Mann und Frau führt? Ernst-August Ahrens zumindest spräche das aus der Seele.

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Letzte Aktualisierung: 14.8.2019

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