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Akzeptanz neuer Technologien

Fortschritt braucht Bedenkzeit

Innovationen sollen das Leben einfacher, günstiger, nachhaltiger werden lassen. Während sich die eine Hälfte von Gesellschaft und Wirtschaft gern ins Technologie-Abenteuer stürzt, schaut die andere lieber erstmal zu. Beide Seiten haben gute Gründe.

(01.04.2024) Mit Gentechnik optimiertes Essen, Impfen mit mRNA, Künstliche Intelligenz: Erfindungen und Entwicklungen haben es erstmal schwer. Beispiel: Das Elektroauto erfährt gerade viel Widerstand: umweltschädlich in der Herstellung, viel zu geringe Reichweite, nicht seinen Preis wert – so lauten die gängigsten Klischees, die Wissenschaft, Wirtschaft und praktische Nutzungserfahrungen wenn nicht widerlegt, so zumindest entschärft haben.

Trotzdem bleibt das E-Auto geladen mit viel Diskussionskraftstoff, lässt zwei Extreme blühen: eine Art „German Angst“, jenes internationale Vorurteil deutscher Reserviertheit gegenüber Technologien; auf der anderen Seite scheinbar wagemutiger Pioniergeist: Wer elektrisch fährt, ist doch im Auto-Neuland unterwegs.

Beides, Annahme und Ablehnung, sei typisch in einem „Technologie-Ersetzungsprozess“, erklärt der Psychologe und Philosoph Claus-Christian Carbon von der Universität Bamberg. Er forscht unter anderem zu Akzeptanzforschung von Innovationen. „Wir Deutschen sind schon eher Bedenkenträger. Aber auch zukunftsorientiert.“ Zwei Gegensätze, die sich ergänzen: Während sich die eine Seite im Grundsatz für eine neue Technologie begeistern kann, ihre Vorteile erkennt und sie durch Anwenden die Vorreiterrolle einnimmt, schaut die andere Hälfte skeptisch beim Scheitern oder Reüssieren zu. Bedenkenträger und Bremser mit Kontrollfunktion, vorausgesetzt, sie lehnen das Neue nicht kategorisch ab.

Hälfte bleibt zurückhaltend

Soziologie und Wirtschaftslehre kennen das als „Diffusionstheorie“. Sie skizziert, wie Innovationen in eine Gesellschaft Einzug finden. Die Erfolgsfaktoren: Vorteile der Innovation, das Erfüllen der Kundenerwartungen und die Rahmenbedingungen der Kundschaft. Kann er sich beispielsweise statt Handy das komfortablere Smartphone leisten, hat sie für das umweltschonende E-Auto eine Lademöglichkeit, kann das Personal die sozialabgabenfreie KI überhaupt bedienen?

Ein kleiner Teil der Bevölkerung entpuppt sich dabei als Innovations-Pioniere, steht vielleicht zum Verkaufsstart der Neuerscheinung vor dem entsprechenden Laden in der Schlange, nur um als erstes das Ergebnis neuer Technologie in den Händen zu halten. Ihre Erfahrungen sprechen sich herum und im Verlauf dieses Trends nimmt die Hälfte der Bevölkerung – die Konsumforschung spricht von „Early Adopter“ und „Early Majority“ – die Entwicklung an. Die ganze zweite Hälfte der Gesellschaft verharrt oder verwehrt sich gar ganz „dem neumodischen Quatsch“.

Vorreiter, Mehrheit, Nachzügler

Jene Diffusionstheorie stammt aus den 60er Jahren. Damals schielte die Gesellschaft immer nur in eine Richtung: nach oben. Der mit Komfort- und Sicherheits-Features ausgestattete Wagen vom Chef, mit dem Stern vorne drauf, die Pauschalreise inklusive Flug aus dem Versandhauskatalog, die moderne Einbauküche mitsamt Gerätschaften, die das Leben leichter machen – alles das galt als erstrebenswerte Innovationen aus der Schicht darüber.

Heute blicken Konsumentinnen und Konsumenten in alle Richtungen: die einen immer noch nach Prestige und Luxus, andere aber auch nach nachhaltigem Konsumverhalten mit Kauf eines „ökologischen Smartphones“ oder Bio-Lebensmitteln aus fairem Handel. Sich reduzieren auf das Wesentliche im Tiny House! Auch Geiz allein ist geil – oder Sparsamkeit von der eigenen wirtschaftlichen Lage auferlegter Zwang.

E-Autos: Vorreiter fand keine Nacheiferer

„Die Gesellschaft heute ist komplex und divers, verändert sich durch neue Technologien beziehungsweise durch ihre Nutzung. In jedem sozio-kulturellen Segment gibt es bestimmte Vorstellungen davon, was attraktiv ist, was ein Problem ist, was man gerne nutzt“, erklärt die Soziologin und Innovationsforscherin Birgit Blättel-Mink.

Sie forschte unter der Regierung Merkel im Rahmen eines Mobilitätsprojekts des Bundesverkehrsministeriums, wie das damalige Ziel von zwei Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen realisiert werden könne: „Damals haben wir gedacht, mit Tesla gebe es eine Art Pionier, dem dann andere nachfolgen. Aber so ist es nicht gekommen.“

KI - der aktuelle Trend

Zum einen stimmten die Rahmenbedingungen nicht, weil vor allem in Städten Ladeinfrastruktur fehlte. Zum anderen verpasste die Industrie selbst, zum Vorreiter zu werden: „Die ganzen Jahre, in denen wir geforscht haben, hat die Autoindustrie erstmal wenig bis gar nicht reagiert. Erst durch die Grünen in der Regierung kam der Schub. Dann hat die Autoindustrie die bereits entwickelten, batteriebetriebenen Modelle auf den Markt gebracht. Aber halbherzig“, erzählt Blättel-Mink – während in China mittlerweile schon jeder dritte Neuwagen Strom zieht.

Voll und ganz hingegen scheinen sich Gesellschaft und Wirtschaft in die neue Technologie der Künstlichen Intelligenz zu werfen: Radio-Sender und Zeitschriften lassen stolz Texte von KI formulieren; laut Vodafone-Jugendstudie 2024 nutzen Dreiviertel der befragten Jugendlichen KI-Anwendungen; Unternehmen sehen in KI schon die Lösung des Fachkräftemangels, weil sie – Beispiele aus Unternehmensmitteilungen – „Schweißnähte kontrollieren“ oder „Kundenaufträge effizienter bearbeiten“ können.

Berufsgruppen in Gefahr

Gerade der deutsche Mittelstand gibt sich KI-zugewandt: „Schon 2020 haben wir die ‚Mittelstandsinitiative Künstliche Intelligenz‘ ins Leben gerufen“, erklärt Christoph Ahlhaus, Chef des Mittelstandsverbands BVMW. „Statt angesichts neuer Technologien in den Flucht- oder Angriffsmodus zu schalten, stellen wir uns neuen Herausforderungen, versuchen sie zu verstehen und für den Erfolg des Mittelstandes nutzbar zu machen.“ Das sei ein Mittel gegen Bürokratie, Steuerbelastung und rauen Wettbewerb: „Statt ‚German Angst‘ lieber ‚German Innovationskraft, Mut und Lust auf Leistung‘. Das ist manchmal ganz schön anstrengend, macht aber viel mehr Spaß als Pessimismus und Bedenkenträgerei.“

Es birgt aber auch Risiken, schildert Blättel-Mink, die zuletzt an der Goethe-Universität Frankfurt auch zu Arbeitssoziologie forschte: „Es gibt bestimmte Bereiche in der Arbeitswelt, die KI-Möglichkeiten im Feld der Robotik nutzen können. Die Gefahr ist jedoch, dass KI auch anspruchsvolle Tätigkeiten ersetzen wird. Und das gefährdet Berufsgruppen, die man eigentlich halten und fördern will.“

Gefahr durch politische Kräfte

Wo gibt es noch Stenographinnen in Chef-Etagen? Der eigene Job obsolet, die eigenen Fähigkeiten nicht mehr gefragt: Darin sieht Psychologe Claus-Christian Carbon einen Beweggrund für das Ablehnen neuer Technologien. Denn in uns stecke immer auch ein „Vorsorgedenken“: „Welche Folgen hat die Technologieablösung beispielsweise auf Autoindustrie und Arbeitsplätze? Oder gefährdet E-Mobilität eigene Kompetenzen, die man bei einem Benziner oder Diesel hatte?“

Ablehnung sei dabei eine psychologische Strategie: Wer Künstliche Intelligenz, E-Autos oder mRNA-Impfstoffe ablehnt und jene Technologie-Reserviertheit, beispielsweise mit Unausgereiftheit, gut begründet, muss sich nicht mit ihr auseinandersetzen. „Die ist zwar an sich nicht zielführend, wiegt Menschen aber in einer Scheinsicherheit.“ Dieses Verhalten sei für jeden einzelnen in Ordnung, erklärt Carbon, solange es nicht genutzt werde, um Stimmung zu machen und Ängste zu befeuern. „Das sind dann politische Kräfte, die eine Technik verunglimpfen, um zu verunsichern. Das ist brandgefährlich.“

Keine Innovation ohne Werte

Wie darauf reagieren? „Die Wirtschaft wäre gut beraten, wenn sie zeigen konnte, dass sie eine Technologie im Griff hat – vor allem, was die sozialen und ökologischen Folgen der neuen Technologie betrifft – und sie so einsetzt, dass sie tatsächlich den Konsumentinnen und Konsumenten einen Nutzen bringt“, erklärt die Soziologin Blättel-Mink. Viele Branchen haben das erkannt. Aus dem Verband der Automobilindustrie heißt es beispielsweise: „Unsere Händler arbeiten täglich daran, die Innovationen und Technologien den Menschen näherzubringen, zu erklären und Vertrauen in die Technologie aufzubauen.“

Rafael Laguna de la Vera ist Direktor der Bundesagentur für Sprunginnovationen „SprinD“. Sie unterstützt „disruptive Innovationen“, also Entwicklungen, die bisherige verdrängen – wie früher das Auto die Pferdekutsche, die Speicherkarte den Fotostreifen, der Videostream die Videothek. Laguna sieht die Gesellschaft selbst in der Pflicht: „Wir müssen als Gesellschaft unser Verständnis dafür schärfen, welche Art von Innovationen wir auf Grundlage welcher Werte künftig entwickeln wollen.“

Gruppen integrieren verschiedene Facetten

Dazu gehöre für Laguna auch, dass das Bildungssystem Freiräume und Fördermöglichkeiten für Menschen schaffe, die quer zur Mehrheitsmeinung denken. „Denn die Mehrheitsmeinung bringt keine Sprunginnovationen hervor“, schildert Laguna. Schließlich gehe es um Innovationen, „die das Leben einer größtmöglichen Anzahl von Menschen in größtmöglichem Umfang besser machen“.

Gruppendynamische Prozesse innerhalb kleiner Gruppen, Organisationen oder der großen Politik könnten dabei Nachteile und Risiken verringern, erklärt Claus-Christian Carbon, etwa das Beschneiden von Arbeitnehmerrechten oder Ausbeutung anderer Gesellschaften für seltene Rohstoffe: „Gruppen integrieren solche verschiedenen Facetten am besten in die Entscheidungsfindung.“ Gemeinsam Vorteile diskutieren, Bedenken debattieren, moralische Maßstäbe festlegen – da ist also wieder das, was es einer Innovation zu Beginn zu Recht so schwer macht.

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Letzte Aktualisierung: 9.6.2024

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