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In Pforzheim wird mehr als jeder dritte Bund für's Leben geschieden

"Die Frauen sind nicht mehr so dumm wie früher"

Resultat der zerbrochenen Ehen: Schulden und 250 alleinerzogene Kinder im Jahr

(1999) Ab und zu holt sie eine Pappschachtel aus der Kommode, legt den Deckel beiseite und holt ihre Schätze vergangener Zeiten hervor. Bilder aus zwei Jahrzehnten, auf denen ihr Ehemann abgelichtet ist. "Er war schon ein toller Mann," kommt sie jedesmal wieder zum Schluss. Knapp 20 Jahre war sie mit ihrer Liebe verheiratet. "Für seinen Abgang suchte er sich das Fest der Liebe aus." Am zweiten Weihnachtsfeiertag verabschiedete er sich - wie immer, mit einem Kuss auf die Wangen. Zu einer Geschäftsreise müsste er aufbrechen, hatte er gesagt. Dann kam er nie wieder in das gemeinsame Haus. "Wir haben uns geliebt." Sie schaut auf das Schwarzweißfoto, macht eine kurze Pause, "dachte ich eigentlich." Das erste Wiedersehen gab es im Sommer darauf - vor dem Scheidungsrichter.

Stefanie B. ist eine von rund 300 geschiedenen Frauen in Pforzheim. Dabei stimmt zumindest für die Stadt der Eheringe die allgemein akzeptierte Statistik, jede dritte Ehe würde geschieden, nicht mehr: 736 Eheschließungen im Jahr 1998 stehen 294 Scheidungen gegenüber. Also 40 Prozent, die sich über das Gelob hinwegsetzen, in guten wie in schlechten Zeiten zueinander zu stehen. Tendenz steigend. Dabei erwischt es die Partnerschaft tatsächlich meist im verflixten siebten Jahr. Aber auch Langzeitehen, die die Porzellan- oder Perlen-Hochzeit überstanden haben, geben sich doch noch das zweite Ja-Wort - jenes, das der Scheidung zustimmt.

Die Gründe dafür sieht Familienrichter Hans Ludin in der Reform des Scheidungsgesetzes von 1977: "Die Schranke, die bisher Paare von der Scheidung abhielt, ist damals herabgesetzt worden. Die Schuldfrage wird nicht mehr gestellt, so kann eine Scheidung nach einem Jahr des Getrenntlebens ohne Hürden vollzogen werden." Soziologen nennen veränderte soziale Verhältnisse, eine ganz andere Weltanschauung als Grund steigender Scheidungszahlen. Denn die Ehefrau an Heim und Herd kann sich nicht wie der arbeitsame Mann fortbilden. Oftmals fehlt es ihr an den sozialen Kontakten. Es entsteht ein zu großer Unterschied in den Persönlichkeiten. Man lebt sich auseinander. Auch die wirtschaftliche Situation kann einen Keil in den Ehebund treiben: Familien-Streß, weil der einstige Bräutigam unter beruflichem Konkurrenzdruck steht, oder schließlich Arbeitslosigkeit.

"Die Frauen sind nicht mehr so dumm wie früher. Sie müssen sich nicht mehr alles gefallen lassen," meint hingegen Stefanie B. Tatsächlich werden mehr als doppelt soviele Scheidungen von der Frau beantragt, als vom Mann. Was dann folgt, ist meist ein jahrelanger, nervenaufreibender Krieg auf Gedeih und Verderb. "Bei mir dauert es jetzt schon sieben Jahre. Streit um meinen Unterhalt, um zurückliegende Kosten, um seine Falschaussagen. Und das in mehreren Instanzen." Auch Hans Ludin bestätigt, dass eher die Männer mit harten Bandagen in die Gerichts-Schlachten ziehen: "Nach einer ,Hausfrauenehe', zudem noch mit Kind, stellt sich in Sachen Unterhalt für die Beteiligten oft die Existenzfrage. Das führt regelrecht zu Krieg." Auf die Frage, mit welchen Tricks die Herren arbeiten, antwortet Ludin: "Sie bringen alles. Besonders seit 1998, seitdem im Antrag um das Sorgerecht vorgetragen werden muss, warum das Gericht das Kind einem der Elternteile zuerkennen solle."

Bei Stefanie B. kam hinzu: Auseinandersetzungen mit Rechstanwälten, die Verhandlungen ohne ein Wort zu sagen beiwohnten und Termine versäumten, dann aber Rechnungen stellten. In der Tat: Die Juristen schlagen aus Scheidungen den Profit. Weit über 30 000 Mark Gerichts- und Anwaltskosten für eine Scheidung sind keine Seltenheit.

Weit mehr als der Geldverlust schmerzt Stefanie B. der Verlust des Vaters für ihre Tochter. Für sie interressiert er sich nicht mehr. Er sieht sie als Teil des Komplotts gegen ihn. "Sie hat mit zwölf den Fortgang ihres Papas zwar schon gut verkraftet - irgendwie war er ja sowieso immer nur im Geschäft. Aber er hat ihr wohl schon gefehlt. Mal von jemand anderem einen Rat zu hören als immer nur von mir. Und dann war ich ja auch die ganzen Jahre so nervös und aufgewühlt." Den ganzen Krach habe man sofort den Noten ihrer Tochter angesehen. Sie sei regelrecht abgesackt.

"Scheidungen sind mit Gründe, die dazu beitragen, dass die Schüler insgesamt immer unkonzentrierter werden" sagen die Lehrer unisono. Immerhin die Hälfte aller zerbrochenen Ehen hinterläßt mindestens ein minderjähriges Kind. Pforzheim zählt so 250 Töchter und Söhne geschiedener Eltern - und jedes Jahr werden es mehr.

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Letzte Aktualisierung: 19.11.2022

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